historisch

Falscher Prophet im Parthenon

Falscher-Prophet_ROMAN RAUSCH

Eine seltsame Nachricht erreichte mich kürzlich.

„Dein Falscher Prophet hängt an einer Säule des Parthenon of Books auf der documenta.“

Zuerst glaubte ich an einen Scherz, doch die aufmerksame Besucherin der documenta 2017 überzeugte mich schließlich von ihrer Aufrichtigkeit.

Perthenon of Books documenta 2017
© Roman Maerz

Dennoch: Der FALSCHE PROPHET eine verbotene Schrift? Sicherlich nicht. Das Buch ist in jeder Buchhandlung erhältlich und ist zumindest heutzutage nicht mehr anstößig – anders als damals.

Ich gehe darin auf meine Sicht der Dinge und Ereignisse des Jahres 1476 ein, die ich eng an Klaus Arnolds Grundlagenwerk Niklashausen. Quellen und Untersuchungen zur sozialreligiösen Bewegung des Hans Beheim und zur Agrarstruktur eines spätmittelalterlichen Dorfes gehalten habe. Jeder, der sich für die geschichtlichen Hintergründe über Hans Böhm und die damaligen Vorgänge interessiert, sei Arnolds Buch empfohlen.

Was aber hat der FALSCHE PROPHET in der international gefeierten Installation von Marta Minujin zur Weltkunstausstellung documenta 2017 in Hannover zu suchen? Die Besucherin der documenta hat mir dieses Bild geschickt, das sie an einer der Säulen aufgenommen hat:

Falscher Prophet ROMAN RAUSCH Parthenon of Books

Ich würde mich nicht erdreisten den FALSCHEN PROPHETEN in eine Reihe mit den verbotenen Büchern und verfolgten Autoren in früheren Gewaltherrschaften zu stellen. In der Projektbeschreibung heißt es dazu folgendermaßen:

Das Projekt der Künstlerin Marta Minujín, The Parthenon of Books, setzt ein Zeichen gegen das Verbot von Texten und die Verfolgung ihrer Verfasser_innen.

Das ist mit Hans Böhm, dem Pfeifer von Niklashausen, in den Jahren 1476 ff. geschehen. Die Erinnerung an ihn und seine Reden wurden von den damals Herrschenden verboten, verpönt und karikiert (u.a. mit der Verballhornung Pfeiferhänschen), um dem Wallen nach Niklashausen ein Ende zu bereiten. Ein Beleg dafür ist das gewählte Motiv des Covers aus der Schedelschen Chronik, auf dem Hans Böhm ins Leere spricht, während ein anderer die Zuhörer fesselt.

Pfeifer von Niklashausen in Schedelsche Weltchronik

Insofern danke ich dem Spender des Buchs für den Parthenon of Books, der damit die Erinnerung an einen frühen Sozialrevolutionär am Leben hält.

Besprechung:

Ein kurzer Sommer der Anarchie, Neues Deutschland, 19 Juni 2016. „Die Geschichte des Pfeifers von Niklashausen als politischer Thriller.“


Hintergrund

Nahezu vergessen ist heute einer der ersten Sozialrevolutionäre Deutschlands – Hans Böhm (auch Behem, Behaim) aus Helmstadt bei Würzburg. Er lebte um das Jahr 1476 in dem kleinen Ort Niklashausen (97956 Werbach, Main-Tauber-Kreis, Baden-Württemberg) als mittelloser Schafhirte und Musiker unter Bauern und Leibeigene. Deren Leben war geprägt von bitterer Armut und Rechtlosigkeit, während die hohen Stände (Kirche, Adel) in Saus und Braus lebten. Einzig der Glaube ans Himmelreich vermochte den armen Leuten noch Trost spenden.

Doch der Glaube an Erlösung aus dem Jammertal schwand, Priester und Adelige schöpften aus reichen Pfründen, die das Volk zu bedienen hatten. Auch der Lebenswandel mancher Gottesdiener war alles andere als zurückhaltend und vorbildhaft – Hurerei, Völlerei und Raufereien warfen ein vernichtendes Licht auf die frommen Mönche und Pfarrer. Der Adel knechtete und richtete nach Gutsherrenart, straf-, moral- und folgenlos, es war ihr angestammtes Recht.

Schrei nach Gerechtigkeit

Ein knappes Menschenleben vor dem Jahr 1476 hatte sich bereits der böhmische Kirchenreformer Jan Hus gegen diese unhaltbaren Zustände erhoben. „Die Priester predigen wohl gegen unsere Unzucht und unsere Laster“, hatte er geklagt, „aber von den ihrigen sagen sie nichts. Also ist es entweder keine Sünde, oder sie wollen das Privilegium haben“. Der Ausgang ist bekannt – Johannes Hus starb mit seinen Schriften 1415 auf dem Scheiterhaufen.

Die Erinnerung an Hus spukte noch in den Köpfen, Wanderprediger beschworen die Apokalypse herauf und Ablassbriefe verhießen Rettung vor ewigem Tod, Teufel und dem Fegefeuer. Allein, nichts davon wollte mehr zünden, den Tagelöhnern und Leibeigenen Trost und Hoffnung schenken. Sie waren zu Lebzeiten zum Dienen und Leiden verdammt, das Himmelreich nur mit einem dicken Geldbeutel erreichbar. Da erhob sich überraschend und zum Erstaunen aller eine Stimme aus dem Taubertal.

Im Auftrag der Muttergottes

Ein Jüngling von knapp zwanzig Jahren mit dem zweifelhaften Ruf eines Tunichtgut und vagabundierenden Musikers redete da plötzlich von Gerechtigkeit und der heilsbringenden Botschaft Jesu. Sein Name: Hans Böhm. Maria, die Muttergottes, sei ihm erschienen und habe ihn aufgefordert, dem liederlichen Treiben des Klerus und der himmelsschreienden Knechtschaft durch die Grundbesitzer ein Ende zu bereiten. „Schlagt die Pfaffen tot!“ lautete sein Aufruf zur Rebellion und er schallte weit übers Taubertal hinaus in alle deutschen Lande bis hin in die angrenzenden Länder, die wir heute als Schweiz, Frankreich, Tschechei und Slowakei kennen.

Allerorten wurde Böhms Aufforderung gehört. Bauern, Tagelöhner und Leigeigene ließen Hacke und Schaufel fallen und pilgerten nach Niklashausen, um diesen Verkünder des wahren Wortes zu hören, ja, um Teil einer neuen, weltveränderten Bewegung zu werden. Binnen dreier Monate schwoll die knapp Hundert Seelen zählende kleine Gemeinde am Ufer der Tauber zu einem Mekka der Verkündung an. Zehntausen sollen es gewesen sein, manche Quellen sprechen von Hunderttausend. Zurück ließen sie unbestellte Felder und verwaiste Werkstätten, was so manche Stadt und Grundherren zu einem Brandbrief an die Bischöfe von Mainz und Würzburg veranlasste. „Gebietet diesem sündigen Treiben Einhalt. Handelt schnell, bevor wir selbst dieser Wallfahrt ein blutiges Ende bereiten.“

Vorläufer von Bauernkrieg, Luther und Müntzer

„Hans Böhm? Wer ist der Kerl?“ mochten sich die Herrschenden gefragt haben, nicht minder die Pilger, die Felder, Hütten und Werkstätten zurückließen, gegen die Befehle und Androhungen ihrer Herren verstießen, um den Prediger aus dem Taubertal zu sehen und zu hören. Nie zuvor hatte es ein so umfassendes und weitreichendes Wallen und Laufen gegeben, dem sich nun auch neugierige Wohlhabende anschlossen.

Der „kurze Sommer“ des Hans Böhm ist in die deutsche Geschichte eingegangen, in die Literatur und andere Künste. Der Kritiker der politischen Ökonomie und Weggefährte von Karl Marx, der Gesellschaftstheoretiker und Unternehmersohn Friedrich Engels beschrieb Hans Böhm in seinem Werk Der große Bauernkrieg (1850) als den ersten Vorläufer der Bewegung und Rainer Werner Fassbinder wählte ihn als sein erstes Fimprojekt, die Niklashauser Fart.

Hans Böhm als Vorläufer des Reformators der katholischen Kirche Martin Luther zu sehen, greift sicherlich nicht zu kurz, treffender wäre es ihn in die Reihe mit Thomas Müntzer zu stellen, dem das Schicksal der Bauern und die Auslegung der Heiligen Schrift für die Geknechteten mehr am Herzen lag als das Primat des Adels.

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