Erzählung · historisch · Roman

Zerstörung Würzburgs im II. Weltkrieg

[Ausführlicher Beitragstext folgt. Vorab:]

Moral bombing

Mitte März 1945 war der Krieg zwischen Hitlerdeutschland und den Alliierten praktisch entschieden. Um Berlin zog sich der russische Belagerungsring zusammen, Anfang März hatten die Amerikaner bei Remagen erstmals den Rhein überschritten, bald darauf überquerten die Briten den Rhein bei Wesel.

Die Wohngebiete aller deutschen Großstädte waren bereits zu 50 bis 80 Prozent zerstört, manche Städte hatten bis zu zwanzig Luftangriffe erlebt.

Anfang des Jahres 1945 begannen die Alliierten, militärisch unbedeutende, kleinere und mittelgroße Städte mit Flächenbombardements zu überziehen. Die Strategie lautete: Moral bombing (Flächenbombardements).

Am 12. Februar richteten amerikanische Bomber das „Massaker von Swinemünde“ (Jörg Friedrich) mit über 20.000 zivilen Opfern an.

Nach dem britischen Bombenangriff auf Pforzheim am 23. Februar waren 17.000 Bombenopfer zu beklagen.

Am 19. März zerstörte eine alliierte Bomberflotte die Kur- und Lazarettstadt Nassau an der Lahn.

Ab Mitte März waren im Wochentakt die drei Bischofsstädte Würzburg, Hildesheim und Paderborn durch britische Bombardements in Schutt und Asche gelegt worden.

Verheerender als Dresden

Würzburg nach dem Bombenangriff. Das Grab am Main
© Stadtarchiv Würzburg. Die zerstörte Stadt nach dem britischen Luftangriff

Am Abend des 16. März 1945 riefen die heulenden Sirenen die Bewohner von Würzburg wie viele Nächte zuvor in die Luftschutzräume. Nur diesmal waren es nicht vorbeifliegende Bomber vor denen man warnte – die Barockstadt am Main war das Ziel.

Ab 21.30 Uhr verwandelten 230 britische Bomber Würzburg in eine Feuerhölle. Die über tausendjährige Kulturstadt wurde zu neunzig Prozent vernichtet.

Die britischen Krieger zerstörten aus der Luft 21.000 Wohnungen, 35 Kirchen mit Tausenden von Kulturschätzen, die städtischen Archive und historischen Bibliotheken sowie zahlreiche Baudenkmäler – darunter den Kiliansdom und Teile der Würzburger Residenz mit dem Spiegelsaal.

Die Zerstörungen der weltberühmten Barockstadt Würzburg waren verheerender als drei Wochen zuvor in Dresden.

Am Tag des Angriffs hielten sich viele Evakuierte, Flüchtlinge und Sanitätskolonnen in Würzburg auf, nicht zu vergessen die Kranken, Verletzten und Bettlägrigen in den zahlreichen Kliniken und Lazaretten. Schätzungen zufolge starben bei dem britischen Angriff an die 5.000 Zivilisten – vor allem Kinder, Frauen, Kranke und alte Menschen.


Buchtipp: Sonntagsblatt 11/2018

„Roman Rausch gelingt es mit packenden, detailgetreuen Beschreibungen die Flammenhölle des 16. März 1945 zu schildern.“
BAYERISCHER RUNDFUNK, Buchtipp 10/2016

„Spannend, beklemmend und beeindruckender als ein Sachbuch.“
Norbert Herrmann, stellv. Leiter der Stadtbücherei Würzburg

Erzählung · historisch · kriminell · Roman

Tiepolos Geheimnis

In den vergangenen zwanzig Schreibjahren habe ich für gehörig Verwirrung bei Lesern und im Buchhandel gesorgt.

Beginnend mit den Kilian-Krimis und den Levy-Thrillern, gefolgt von den historischen Romanen, Erzählungen und Theaterstücken, wusste so mancher nicht mehr, wie er mich und mein Tun einzuordnen hat.

„Krimischreiber? Autor von historischen Romanen? Dramatiker bzw. Stückeschreiber? Ja, was denn jetzt? Entscheide dich mal.“

Auf einen Schriftsteller wirkt das befremdlich. Er bzw. ich brauche die Abwechslung um geistig frisch und kreativ zu bleiben. Von Allem etwas in wechselnder Abfolge – das ist mein Credo.

Andereseits verstehe ich als ehemaliger Marketingmann die Nöte des Buchhandels und die Erwartungen der Leser. Eine Kategorisierung hilft Autor und Buch im Kopf zu behalten.

Jo Kilian

Ein Pseudonym soll die Misere lösen – Jo Kilian. Darunter erscheinen zukünftig Kriminalromane und Thriller, kurz: Alles Kriminelle aus meiner Feder.

BR-Interview_Tiepolos_Geheimnis
Interview beim Bayerischen Rundfunk über Tiepolos Geheimnis. Zum Anhören aufs Bild klicken. Sie werden auf die Seite des BR weitergeleitet.

Den Beginn macht der historische Kriminalroman Tiepolos Geheimnis, den ich lieber als Erzählung sehe, da er auf manch kriminelles Handwerkszeug verzichtet und sich sprachlich vom Genre entfernt. Er taucht tief in die Geschichte rund um die Geschehnisse am Würzburger Hof von Fürstbischof Carl Philipp von Greiffenclau in den Jahren 1751 bis 1753 ein. Es ist jene Zeit, die von den überlieferten Aufzeichnungen des Hoffouriers Spielberger ausgespart bleiben.

Ein seltsamer Umstand, denn just die Tiepolo-Zeit war eine aufregende und über die Landesgrenzen hinaus bedeutende Zeit.

Mysteriöse Zeichen und Figuren

Tiepolos Treppenhausfresko Die vier Erdteile gehört zu den prächtigsten Arbeiten des venezianischen Künstlers, sicher ist es auch eines seiner rätselhaftesten. Die bis heute ungeklärten Schriftzeichen auf dem Steinblock in der Asia-Allegorie beschäftigen Besucher der Residenz ebenso wie die Wissenschaft.

Tiepolo Schriften Asia Fresko

Haben sie tatsächlich keine Bedeutung? Ein wirres, verunglücktes ABC einer alten, fast vergessenen Schrift aus urchristlichen Zeiten?

Bei der Detailtreue bzw. -versessenheit Tiepolos ist das kaum vorstellbar. In jungen Jahren hat er die Bibliothek auf San Lazzaro degli Armeni ausgemalt und ist dort mit dieser Schrift in Kontakt gekommen. Er hat sie eigens nach Würzburg gebracht oder hat sie bringen lassen. Wieso sollte er ausgerechnet bei der Gestaltung des so wichtigen Erdteils Asien so nachlässig gewesen sein, der als Ursprungsland der Schrift und des christlichen Glaubens gilt?

Der Mann ohne Gesicht

Noch so ein seltsames, rätselhaftes Detail im 600 qm großen Meisterwerk Tiepolos.

Tiepolos Mann ohne Gesicht

Wer ist der Mann mit den Haaren im Gesicht? Oder ist er von hinten dargestellt?

In beiden Fällen stellt sich die Frage: Was hat die namen- und gesichtslose Figur in unmittelbarer Nähe zu den wichtigsten Männer des Residenzbaus zu suchen? In der Europa-Allegorie, in der der Fürstbischof über allen thront?

Eine Antwort kann die Iconologia des Cesare Ripa liefern – die Bibel der damaligen darstellenden Künstler, an die sich Maestro Tiepolo überwiegend gehalten hat. Nur findet sich dort keine exakte metaphorische Entsprechung. Was hat Tiepolo dazu veranlasst und warum haben Baumeister Neumann, Stuckateur Bossi und vor allem der Hausherr Greiffenclau keine Einwände erhoben?

In Tiepolos Geheimnis versuche ich Antworten zu finden.

Das Buch ist auch in englischer Sprache unter The Tiepolo Mystery erschienen und kann mit Leseprobe eingesehen werden.

historisch

Falscher Prophet im Parthenon

Eine seltsame Nachricht erreichte mich kürzlich.

„Dein Falscher Prophet hängt an einer Säule des Parthenon of Books auf der documenta.“

Zuerst glaubte ich an einen Scherz, doch die aufmerksame Besucherin der documenta 2017 überzeugte mich schließlich von ihrer Aufrichtigkeit.

Perthenon of Books documenta 2017
© Roman Maerz

Dennoch: Der FALSCHE PROPHET eine verbotene Schrift? Sicherlich nicht. Das Buch ist in jeder Buchhandlung erhältlich und ist zumindest heutzutage nicht mehr anstößig – anders als damals.

Ich gehe darin auf meine Sicht der Dinge und Ereignisse des Jahres 1476 ein, die ich eng an Klaus Arnolds Grundlagenwerk Niklashausen. Quellen und Untersuchungen zur sozialreligiösen Bewegung des Hans Beheim und zur Agrarstruktur eines spätmittelalterlichen Dorfes gehalten habe. Jeder, der sich für die geschichtlichen Hintergründe über Hans Böhm und die damaligen Vorgänge interessiert, sei Arnolds Buch empfohlen.

Was aber hat der FALSCHE PROPHET in der international gefeierten Installation von Marta Minujin zur Weltkunstausstellung documenta 2017 in Hannover zu suchen? Die Besucherin der documenta hat mir dieses Bild geschickt, das sie an einer der Säulen aufgenommen hat:

Falscher Prophet ROMAN RAUSCH Parthenon of Books

Ich würde mich nicht erdreisten den FALSCHEN PROPHETEN in eine Reihe mit den verbotenen Büchern und verfolgten Autoren in früheren Gewaltherrschaften zu stellen. In der Projektbeschreibung heißt es dazu folgendermaßen:

Das Projekt der Künstlerin Marta Minujín, The Parthenon of Books, setzt ein Zeichen gegen das Verbot von Texten und die Verfolgung ihrer Verfasser_innen.

Das ist mit Hans Böhm, dem Pfeifer von Niklashausen, in den Jahren 1476 ff. geschehen. Die Erinnerung an ihn und seine Reden wurden von den damals Herrschenden verboten, verpönt und karikiert (u.a. mit der Verballhornung Pfeiferhänschen), um dem Wallen nach Niklashausen ein Ende zu bereiten. Ein Beleg dafür ist das gewählte Motiv des Covers aus der Schedelschen Chronik, auf dem Hans Böhm ins Leere spricht, während ein anderer die Zuhörer fesselt.

Pfeifer von Niklashausen in Schedelsche Weltchronik

Insofern danke ich dem Spender des Buchs für den Parthenon of Books, der damit die Erinnerung an einen frühen Sozialrevolutionär am Leben hält.

Besprechung:

Ein kurzer Sommer der Anarchie, Neues Deutschland, 19 Juni 2016. „Die Geschichte des Pfeifers von Niklashausen als politischer Thriller.“


Hintergrund

Nahezu vergessen ist heute einer der ersten Sozialrevolutionäre Deutschlands – Hans Böhm (auch Behem, Behaim) aus Helmstadt bei Würzburg. Er lebte um das Jahr 1476 in dem kleinen Ort Niklashausen (97956 Werbach, Main-Tauber-Kreis, Baden-Württemberg) als mittelloser Schafhirte und Musiker unter Bauern und Leibeigene. Deren Leben war geprägt von bitterer Armut und Rechtlosigkeit, während die hohen Stände (Kirche, Adel) in Saus und Braus lebten. Einzig der Glaube ans Himmelreich vermochte den armen Leuten noch Trost spenden.

Doch der Glaube an Erlösung aus dem Jammertal schwand, Priester und Adelige schöpften aus reichen Pfründen, die das Volk zu bedienen hatten. Auch der Lebenswandel mancher Gottesdiener war alles andere als zurückhaltend und vorbildhaft – Hurerei, Völlerei und Raufereien warfen ein vernichtendes Licht auf die frommen Mönche und Pfarrer. Der Adel knechtete und richtete nach Gutsherrenart, straf-, moral- und folgenlos, es war ihr angestammtes Recht.

Schrei nach Gerechtigkeit

Ein knappes Menschenleben vor dem Jahr 1476 hatte sich bereits der böhmische Kirchenreformer Jan Hus gegen diese unhaltbaren Zustände erhoben. „Die Priester predigen wohl gegen unsere Unzucht und unsere Laster“, hatte er geklagt, „aber von den ihrigen sagen sie nichts. Also ist es entweder keine Sünde, oder sie wollen das Privilegium haben“. Der Ausgang ist bekannt – Johannes Hus starb mit seinen Schriften 1415 auf dem Scheiterhaufen.

Die Erinnerung an Hus spukte noch in den Köpfen, Wanderprediger beschworen die Apokalypse herauf und Ablassbriefe verhießen Rettung vor ewigem Tod, Teufel und dem Fegefeuer. Allein, nichts davon wollte mehr zünden, den Tagelöhnern und Leibeigenen Trost und Hoffnung schenken. Sie waren zu Lebzeiten zum Dienen und Leiden verdammt, das Himmelreich nur mit einem dicken Geldbeutel erreichbar. Da erhob sich überraschend und zum Erstaunen aller eine Stimme aus dem Taubertal.

Im Auftrag der Muttergottes

Ein Jüngling von knapp zwanzig Jahren mit dem zweifelhaften Ruf eines Tunichtgut und vagabundierenden Musikers redete da plötzlich von Gerechtigkeit und der heilsbringenden Botschaft Jesu. Sein Name: Hans Böhm. Maria, die Muttergottes, sei ihm erschienen und habe ihn aufgefordert, dem liederlichen Treiben des Klerus und der himmelsschreienden Knechtschaft durch die Grundbesitzer ein Ende zu bereiten. „Schlagt die Pfaffen tot!“ lautete sein Aufruf zur Rebellion und er schallte weit übers Taubertal hinaus in alle deutschen Lande bis hin in die angrenzenden Länder, die wir heute als Schweiz, Frankreich, Tschechei und Slowakei kennen.

Allerorten wurde Böhms Aufforderung gehört. Bauern, Tagelöhner und Leigeigene ließen Hacke und Schaufel fallen und pilgerten nach Niklashausen, um diesen Verkünder des wahren Wortes zu hören, ja, um Teil einer neuen, weltveränderten Bewegung zu werden. Binnen dreier Monate schwoll die knapp Hundert Seelen zählende kleine Gemeinde am Ufer der Tauber zu einem Mekka der Verkündung an. Zehntausen sollen es gewesen sein, manche Quellen sprechen von Hunderttausend. Zurück ließen sie unbestellte Felder und verwaiste Werkstätten, was so manche Stadt und Grundherren zu einem Brandbrief an die Bischöfe von Mainz und Würzburg veranlasste. „Gebietet diesem sündigen Treiben Einhalt. Handelt schnell, bevor wir selbst dieser Wallfahrt ein blutiges Ende bereiten.“

Vorläufer von Bauernkrieg, Luther und Müntzer

„Hans Böhm? Wer ist der Kerl?“ mochten sich die Herrschenden gefragt haben, nicht minder die Pilger, die Felder, Hütten und Werkstätten zurückließen, gegen die Befehle und Androhungen ihrer Herren verstießen, um den Prediger aus dem Taubertal zu sehen und zu hören. Nie zuvor hatte es ein so umfassendes und weitreichendes Wallen und Laufen gegeben, dem sich nun auch neugierige Wohlhabende anschlossen.

Der „kurze Sommer“ des Hans Böhm ist in die deutsche Geschichte eingegangen, in die Literatur und andere Künste. Der Kritiker der politischen Ökonomie und Weggefährte von Karl Marx, der Gesellschaftstheoretiker und Unternehmersohn Friedrich Engels beschrieb Hans Böhm in seinem Werk Der große Bauernkrieg (1850) als den ersten Vorläufer der Bewegung und Rainer Werner Fassbinder wählte ihn als sein erstes Fimprojekt, die Niklashauser Fart.

Hans Böhm als Vorläufer des Reformators der katholischen Kirche Martin Luther zu sehen, greift sicherlich nicht zu kurz, treffender wäre es ihn in die Reihe mit Thomas Müntzer zu stellen, dem das Schicksal der Bauern und die Auslegung der Heiligen Schrift für die Geknechteten mehr am Herzen lag als das Primat des Adels.

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