Der historische, echte Faust

Eine Spurensuche nach der Geburt einer Legende, dem Mythos Faust

 

Um wen es sich bei Faust handelt, ist bis heute nicht ausgemacht, schreibt Herfried Münkler in Die Deutschen und ihre Mythen, und ob es klug sei, mit ihm Umgang zu pflegen, darüber würde nach wie vor gestritten.

 

 

Die Einen sehen Faust als Symbolfigur für den Aufbruch des Menschen in eine erleuchtete Zeit, in der er sich von den Zwängen der zurückliegenden Epoche befreit und ergründen will, was die Welt im Innersten zusammenhält – als einen ehrgeizigen Wissenschaftler, der nach Erkenntnis strebt.

Andere verorten Faust auf die dunkle Seite dieser Bestrebungen, in deren Folge sich Gewissheiten, Ordnungen und Bindungen auflösen, machen ihn zum Weltenzerstörer und Ketzer wider das göttliche Gesetz, gar zum Teufelsbündler.

 

Heute, knapp 500 Jahre nach Faust und der Zeitenwende (Renaissance) tun sich ähnliche Verwerfungen auf. Einerseits der rasante wissenschaftliche Wandel mit all seinen Verheißungen, andererseits sind da die Besorgten und Empörten, die, weltweit vernetzt, nicht nur das Schwinden von Sicherheit, Heimat und Kultur beschreien, sondern die Apokalypse dämmern sehen, wenn nicht umgehend die alten Verhältnisse wieder hergestellt werden.

 

Damals wie heute spielten die neuen Medien (einst Buchdruck, jetzt Internet und Social media) bei den hitzigen Diskussionen eine entscheidende Rolle bei der Legendenbildung, dem Mythos von Doktor Faust und seinen Pakt mit dem Teufel. Ohne ihr Dazutun hätten sich u.a. Luthers Schriften nicht so schnell und flächendeckend verbreitet wie die Tweets mancher Staatenlenker und Hassprediger in diesen Tagen.

 

„Homo ille ... “ / „Jener Mensch, von dem du mir geschrieben hast ...“

Meine Interpretation von Doktor Faust fußt auf ein noch älteres Medium, auf den von Hand verfassten Brief eines vertriebenen und in Verruf geratenen Klostervorstehers, der die anschließende, wundersame Entstehung des Faust-Mythos befeuern, wenn nicht erst ermöglichen sollte.

 

Johannes Trithemius

 

Folgt man der Deutung Frank Barons, dann sagt die Diskreditierung eines bis dahin nahezu unbekannten Zauberers mehr über Trithemius aus als über den verfemten Magister Georgius Sabellicus, der sich laut seiner Visitenkarte erst im Zusatz als Faustus junior vorstellte.

 

Woher dieser Zusatz stammt, ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt, genau so wenig wie sein tatsächlicher Vor- und Nachname, Geburtsort, Familie und seine vielen Wirkungsstätten … Außerdem hätte es auch zwei oder mehrere Protagonisten mit dem Namen Faust geben können, Namensähnliche (Fust, Fausten) und Trittbrettfahrer, die sich als Faust ausgaben, um von dessen Bekanntheit zu profitieren.

 

Im Grunde weiß man nichts sicher, dafür spekuliert und verweist man auf Erwähnungen und Berichte von Zeitzeugen und später Geborenen. Manche sind glaubwürdiger als andere, und doch schrumpft viel auf Hörensagen, Klatsch und Tratsch zusammen.
Nicht außer Acht sollte dabei der jeweilige Standpunkt des Zeugen gelassen werden. Welche Stellung hatte er in der damaligen Zeit inne? War er Freund oder Feind des Autors oder des Beschuldigten? Verfolgte er eigene Interessen, wenn er sich in den Disput einmischte?

 

Jagd auf Faust

Entsprechend verhält es sich mit Trithemius, der Faust vermutlich nie persönlich kennengelernt, aber um so mehr gejagt hat, und das wortwörtlich im Jahr 1507 in Gelnhausen, wo er ihn auf der Rückreise vom brandenburgischen Hof stellen und als Scharlatan demaskieren wollte. Im Jahr davor (1506, das früheste, dokumentierte Auftreten), als Faust in Würzburg großsprecherisch in Erscheinung getreten sein soll, befand sich Trithemius noch in den Wirren um seine Demission aus dem Kloster Sponheim in Speyer.
Das neue, anfänglich ungeliebte Amt als Vorsteher und Abt des Schottenklosters St. Jakob in Würzburg übernahm er erst im Oktober 1506.

 

Ⓒ Pfarrei Don Bosco, Würzburg

 

Und genau dort scheint der Hase im Pfeffer zu liegen. Trithemius war es nicht gelungen, sich gegen die zahlreichen Vorwürfe (Magier und Schwarzkünstler) zu wehren, er sah sich und sein Lebenswerk in Gefahr, setzte alles daran, Freund und Gönner für seine Rehabilitierung zu gewinnen. In diesem Moment tauchte Faust in seiner Nähe auf, die Gelegenheit schien günstig, um die Schatten der gegen ihn erhobenen Vorwürfe auf Faust zu lenken.

 

Zugegeben, es ist eine Hypothese, und doch zwingt sich der Eindruck auf, wenn man seinen Brief und die darin angesprochenen Personen auf sich wirken lässt.
Sowohl Johann Virdung als auch Franz von Sickingen standen in hohem Ansehen und hoher Funktion am Hofe des pfälzischen Königs. Kaum vorstellbar, dass Trithemius es gewagt hätte, seinem Freund Virdung etwas Unwahres oder grob Fahrlässiges aufzutischen, was dieser leicht hätte überprüfen können.
Trithemius rief sich mit seinem Warn- oder besser Hetzbrief gegen Faust in Erinnerung, positionierte sich als treuer Freund und kluger Berater. Vermutlich ging er davon aus, dass sein Brief am Hof die Runde machte, zumindest, dass im weiten Freundeskreis darüber gesprochen wurde. Johann Virdung, Archiv Vetter

 

Ob Virdung der Warnung gefolgt ist, ist nicht überliefert, dafür aber, dass Trithemius seine letzten Lebensjahre als Abt von St. Jakob in Würzburg verbrachte. Er starb 1516 und hat sechzehn Jahre später nicht mehr erlebt, dass nur einen Katzensprung entfernt, Daniel Stibar von Buttenheim (ein Berater des Fürstbischofs und Probst von Stift Haug) mit Faust befreundet war, er gehörte demnach zu den wenigen uns heute noch bekannten, die Faust näher kennengelernt haben.

 

Gute Kontakte Fausts

Stibar zählte nicht nur Erasmus von Rotterdam zu seinen Freunden, er befand sich auch mit dem fränkischen Adelsgeschlecht von Hutten in engen Beziehungen (Moritz, Philipp und vielleicht auch Ulrich, Letzterer war mit Franz von Sickingen gut bekannt). Stibar könnte die Erstellung des berühmten El-Dorado-Horoskops für Faust eingefädelt haben.

Hieronymus Köler d. Ä.: Philipp von Hutten (Mitte)

 

Zwischen den Jahren 1534 und 1536 muss der Ruf von Faust als seriöser Wissenschaftler zumindest in diesen Kreisen gut gewesen sein, anders als im weit entfernten Wittenberg. Dort sahen sich Martin Luther und sein treuer Gefolgsmann Philipp Melanchthon böswilligen Anfeindungen ausgesetzt. Streitbar, wie die Lutherischen waren, zahlten sie mit gleicher Münze zurück. Teufel, Dämonen und Hexen lauerten unter jedem Stein und hinter jeder Ecke, und vor dem Namen Faust machte man nicht Halt. Verständlich, denn es galt sich gegen Unterstellungen zu wehren, Faust, der Teufel, hätte in Wittenberg studiert und gelehrt. Gemeint waren damit eher Luther und seine Gefolgsleute.

 

Erfolglos, die Legendenbildung hatte längst eingesetzt und war außer Kontrolle geraten – unter anderem die überraschende Verortung von Fausts Geburtsort nach Wittenberg, später dann auch dessen Sterbeort ebenda und nicht in Staufen um das Jahr 1540.

 

Geburtsstunde des Mythos

Wundersame Geschichten, Anekdoten, Sagen und Schwänke sollen um 1556 in Erfurt aufgeschrieben worden sein, ein Unbekannter hatte sie um 1580 zur Historia von D. Johann Fausten (Volksbuch mit Sagen, Legenden) zusammengefügt und 1587 in Frankfurt in Druck gegeben – ein wahrer Best- und Longseller über die folgenden Jahrhunderte, der einem heutigen Autor vor Schwermut Tränen in die Augen treibt.
© bibliotheca Augustana

 

Richtig Fahrt nahm die fortschreitende Legende mit einem Ereignis auf, das Augustin Lercheimer (Hermann Witekind, ein Schüler Melanchthons) erstmals im Jahr 1585 veröffentlichte, die Flucht Fausts aus Wittenberg unter Mithilfe seines Geistes. Wer sich mit Geistern einließ, hatte mit dem Teufel einen Pakt geschlossen und gehörte fortan zur Belegschaft der Hexen, Dämonen und Teufel.

 

Der Teufelspakt war die entscheidende Wendung in der Faustschen Narration, die unser Verständnis vom verzweifelten Wissenschaftler bis heute prägt. Goethe, Thomas Mann und die vielen anderen haben ihre Interpretationen darauf gefunden, was gut und bewundernswert ist.

 

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Die Rolle Trithemius‘ und des aufstrebenden Buchdrucks (Flugblätter und -schriften, siehe u.a. RDK) finden dort jedoch keine Erwähnung. Meines Erachtens schmälert das deren Beitrag zum Geschehen.

 

Hätte es weder Trithemius' Brief noch die allseits präsenten Druckerzeugnisse gegeben, die Geschichte(n) über Faust wäre(n) schnell im Reich der Bedeutungslosigkeit verschwunden – außer in einer Randnotiz hätte vermutlich niemand von Doktor Faust je erfahren.

 

RDK VII, 851, Abb. 2. Adrian Matham, 1631, Amsterdam

 

Weblinks

Der Roman ...

zur Entstehung des Mythos vom berühmt-berüchtigten Schwarzkünstler, Zauberer und Magier Doktor Faust.

 

Ab Mai 2019 im Buchhandel.

 

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